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Altgriechisch kann auch Spaß machen

In Griechenland müssen alle Schüler mindestens drei Jahre lang Altgriechisch büffeln. In den deutschsprachigen Ländern wird es hingegen nur noch an wenigen Schulen als Wahlfach unterrichtet. Dabei bemühen sich inzwischen viele Altphilologen hierzulande um eine moderne Didaktik, aktuelle Bezüge und mehr Spaß an der Sprache Homers und Platons.

Von Klaus Bötig für die Griechenlandzeitung

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Griechenlandzeitung

In Griechenland ist Altgriechisch am Gymnasio, also im 7. - 9. Schuljahr, drei Jahre lang Pflichtfach. Wer danach aufs Lykeio geht, muss es zumindest noch im 10. Schuljahr weiterpauken. Erst für die beiden letzten Jahre darf es abgewählt werden. So kommen in Hellas schon fast alle 14-jährigen in den Genuss, die Ilias des Homer im Original lesen zu "dürfen". Gegenüber Ausländern haben sie dabei zwei Vorteile: Sie kennen die Buchstaben schon, benutzen selbst in ihrer Umgangssprache den Aorist und dürfen die Texte nach den Ausspracheregeln des Neugriechischen lernen. Sogar die Texte altgriechischer Dramen werden bei Aufführungen in Griechenland ja immer neugriechisch ausgesprochen. Auch der Phonetik wegen müssen Altgriechisch-Lehrer, die dieses Fach in Griechenland studiert haben, denn auch in Deutschland erst einmal an einem Anpassungskurs teilnehmen: Hier nämlich gelten phonetische Regeln in Anlehnung an das System des Humanisten Erasmus von Rotterdam, der im frühen 16. Jh. lehrte. Dabei wissen alle Graecisten heute, dass wohl kein alter Grieche so gesprochen hat wie Griechischlehrer heute: Zu groß waren die Unterschiede zwischen den Jahrhunderten und vor allem den Regionen des Landes - und die exakten Lautwerte lassen sich ganz einfach nicht wissenschaftlich bestimmen.

Recht konstante Zahlen

Laut den letzten vorliegenden Zahlen des Statistischen Bundesamtes lernen gegenwärtig in Deutschland etwa zehn- bis elftausend junge Menschen Altgriechisch - und das ausschließlich als dritte Fremdsprache. 700 Lehrer unterrichten das Fach an etwa 200 Schulen. Regionale Schwerpunkte sind Bayern, Baden-Württemberg und Berlin, Schlusslicht im Westen ist das Saarland. In der ehemaligen DDR war das Altgriechische mit seinen vielen Texten zur Freiheit des Menschen und zur Demokratie den Mächtigen suspekt. Unterrichtsfach war es nur an 12 Gymnasien. Auch heute hat es in den neuen Bundesländern außer an einigen privaten Schulen einen schweren Stand.

Die Schüler, die das Fach wählen, kommen aus allen Schichten. Gendermäßig gibt es keine Unterschiede. Kinder aus Familien mit griechischem Migrationshintergrund sind nicht überproportional vertreten - und sogar junge Türken zeigen Interesse.

Als Voraussetzung fürs Universitätsstudium hat das Graecum stark an Bedeutung eingebüßt. Wünschenswert ist es nur noch für die Fächer Latein, Theologie, Klassische Archäologie und manchmal auch Philosophie.  "Aber bei Bewerbungen macht sich das Graecum auch in vielen anderen Fachrichtungen gut", weiß Frau Dr. Susanne Aretz, Vorsitzende des Landesverbandes NRW des Deutschen Altphilologenverbandes DAV und Studiendirektorin am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Bochum. 

Neugier aufs Fremde

Susanne Aretz hat die Neugier auf alles Fremde dazu gebracht, als Schülerin Altgriechisch als Wahlfach zu nehmen. An der Uni Köln hat sie dann neben Latein und Altgriechisch auch Philosophie studiert - und hätte sich fast auch noch der sumerischen Keilschrift gewidmet, hätte ihr der Professor besser gefallen. Das moderne Griechenland lernte sie auf einer ersten Klassenfahrt 1985 kennen - und dabei auch gleich noch ihren Ehemann. Im Gespräch wird ihre Begeisterung für neue Erkenntnisse  aus der Beschäftigung mit alten Sprachen deutlich spürbar. "Ausgerechnet das Wort für Schule, scholé, bedeutet im Altgriechischen Muße, also das Gegenteil von Arbeit", nennt sie als Beispiel, "und historiae, also Geschichtsschreibung, heißt eigentlich: Eine Sache mit eigenen und mit fremden Augen sehen. Das gibt doch Anlass zum Nachdenken."  Sie glaubt fest daran, dass man über deren Sprache auch der Mentalität der Menschen des Altertums näher kommen kann. Aorist und Perfekt bedeuten nicht einfach nur Vergangenheit, sondern sind unterschiedliche Aspekte. Der Aorist steht für ein punktuelles Ereignis, das Perfekt für ein Resultat. "Das Altgriechische eröffnet einem einen Kosmos im Kleinen, rückt Fremdes so nah", schwärmt sie - "und weit mehr als in lateinischen Texten sind viele Fragestellungen altgriechischer Autoren noch immer sehr aktuell."

Moderne Methoden

Mit solchen Themen kann man auch heutige Schüler catchen, weiß sie. "Wenn Medea sagt, sie würde lieber dreimal lieber als Soldat sterben denn einmal ein Kind zu gebären, ist das auch heute noch diskussionswürdig!" Als aktuelle Themen nennt sie auch in diesen Zeiten des Populismus Platons Kritik an der Rhetorik oder die Beschreibung von Pestepidemien durch Thukydides und den lateinischen Autor Lukrez.

Als Fachfrau für Didaktik ist Susanne Aretz, selbst Co-Autorin eines griechischen Unterrichtswerks, auch über besonders originelle Ideen im modernen Altgriechisch-Unterricht bestens informiert. Sie selbst ist Mitorganisatorin eines jährlichen Wettbewerbs für Latein- und Griechischschüler, den das Neue Gymnasium Bochum zusammen mit dem Schulministerium, dem DAV und dem griechischen Generalkonsulat in Düsseldorf veranstaltet. 2020 gewannen ihn die beiden Siebtklässlerinnen Clara Hannig und Aglaja Vorona mit einem Comic über Jugend und Aufstieg Alexanders des Großen. Der Sechsklässler Max Kramme aus Bielefeld erhielt für seinen Rap-Song "Achilleus' Zorn" vom griechischen Generalkonsulat sogar eine viertägige Athen-Reise für zwei Personen  geschenkt. Der Text basiert auf dem ersten Gesang aus der Ilias. Die Musik für Schlagzeug und Klavier komponierte der Schüler selbst, nahm alles am Computer  auf und gestaltete sogar noch ein Cover für die CD. "Die griechischen Mythen sind für Schüler dieses Alters oft der Hauptgrund, warum sie sich fürs Altgriechische interessieren", weiß Susanne Aretz. 

Aktiver Verband

Ihr Verband, der DAV, wirbt bundesweit mit vielerlei Mitteln für den Sprachunterricht.  Auf seiner Website www.altphilologenverband.de steht eine gut aufgemachte Broschüre für Schüler und Eltern zum Download bereit. Außerdem trifft man sich jährlich zu einem Kongress, zu dem in diesem April wohl 800 Teilnehmer nach Würzburg gekommen wären. "Zukunft Antike - Latein und Griechisch in der digitalen Welt" lautete der Arbeitstitel. Der aber ist Corona zum Opfer gefallen. Jetzt hoffen die Pädagogen, dass zumindest der Griechischunterrricht bald wieder aufgenommen werden kann. Weil für dieses Wahlfach aber zumeist Schüler aus unterschiedlichen Klassen zusammen kommen, wird das Altgriechische aber wohl als letztes mit der Öffnung dran sein.