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Stellungnahme zum Kernlehrplan Latein Sek I in der Fassung vom 25.2.2019

+++ UPDATE: +++

Erfolgreiche Verbandsarbeit des DAV: Der umstrittene Entwurf zum Kernlehrplan Latein Sek. I wurde (wohl als einziger Entwurf) wieder zurückgenommen und soll nun neu erarbeitet werden. 


Der DAV Nordrhein-Westfalen bezieht kritisch Stellung zum neuen Kernlehrplan Latein Sek. I.  Die Eckpunkte: 

Dieser Lehrplanentwurf ist in sich widersprüchlich, fachdidaktisch einseitig und bietet vor allem nicht die Orientierung, die ein Lehrplan bieten sollte. Er wird dem im Koalitionsvertrag vereinbarten Ziel einer höheren Qualität durch eine "vertiefte Fachlichkeit" nicht gerecht und dürfte, da er die Festlegung von Leistungskriterien an die einzelnen Schulkollegien delegiert, den Frieden innerhalb der Schulkollegien wie der Schulen untereinander gefährden. Zudem bietet er keine Rechtssicherheit, innerhalb derer Einsprüche angemessen beurteilt werden können. Als DAV lehnen wir ihn daher ab.

Lesen Sie hier die ausführliche Stellungnahme des DAV im Volltext:

Der Deutsche Altphilologenverband, Landesverband Nordrhein-Westfalen, sieht im neuen Kern­lehrplan zwar viel Potential für einen kohärenten, ausgewogenen und innovativem altsprachlichen Unter­richt. Allerdings löst der Lehrplan seine eigenen Ansprüche selbst nicht ein. Die vor­gelegte Fassung des neuen Kernlehrplans enthält enorme fachliche und schulrechtlich bedeutsame Leerstellen, bleibt an entscheidenden Stellen unklar und erscheint fachdidaktisch einseitig. Insgesamt wirkt sie widersprüchlich, unverbindlich und sogar unfertig. Unter diesen Voraussetzungen wird die von der Landesregierung angestrebte Qualitätsoffensive im Schulunterricht des Landes NRW nicht erfüllt. Gleichzeitig bietet der Lehrplan für die in der Praxis tätigen Kollegen keinen verlässlichen Rahmen ihres Unterrichtens.Daher weist der Deutsche Altphilologenverband, Landes­verband Nordrhein-Westfalen, diese Lehrplanfassung mit großem Nachdruck zurück.

In seinen fachdidaktischen Aussagen lässt der Lehrplanentwurf viele bisher verbindliche Festlegun­gen und Aussagen wegfallen und ist bei der Festlegung des Umfangs bzw. Grades der am Ende der Sekundarstufe I zu erreichenden Kenntnisse und Fertigkeiten zu wenig konkret. Damit ist das Gegenteil dessen erreicht worden, was bei der Einsetzung der Kommission versprochen wurde (Amtsblatt 70. Jg. Nr. 12). Die bruchlose Fortsetzung des Unterrichts nach den Vorgaben des Kernlehrplans der Sekundarstufe II erscheint infolgedessen nicht gesichert.

In den folgenden Punkten werden Beobachtungen aus mehreren Stellungnahmen, die dem DAV zugegangen sind, wiedergegeben. Im Anhang zu dieser Stellungnahme können sie im Detail nachgelesen werden.

  • Die Leitziele des Lateinunterrichts, die im KLP von 2008 S. 12 zu Beginn genannt werden, sind weggelassen. Der Begriff der Sprachbildung ist im Kontext des KLP Latein undeutlich und bleibt im Konkreten der Definition des einzelnen Fachkollegen oder der einzelnen Fachkollegin überlassen. Vor diesen Hintergrund ist es umso bedenklicher, dass dieses Ziel gleichwertig neben dem wesentlichen Ziel des altsprachlichen Unterrichts aufgeführt wird, der historischen Kommunikation.
  • Es wird, was in einer lediglich literarisch überlieferten Sprache doch sehr seltsam ist, nicht ein einziger konkreter Schulautor genannt, um damit den Schwierigkeitsgrad lateinischer Originaltexte, d.h. zwischen leichten und mittelschweren Originaltexten zu unterscheiden.
  • Bei der grundsätzlich innovativen Neustrukturierung der Inhaltsfelder in eine sprachwissenschaftliche, eine literaturwissenschaftliche und eine kulturwissenschaftliche Kategorie, ist übersehen worden, dass im KLP Sek II.       die Inhaltsfelder etwas anderes, nämlich die Themenbereiche der Lektüre, bezeichnen. Daran hätte sich der KLP Sek I. orientieren müssen.
  • Bei der Aufteilung der Spracherwerbsphase in zwei Stufen fehlt ein Hinweis auf die zuzuordnenden Jahrgangsstufen. Die Stoffverteilung ist nicht über jede Kritik erhaben.
  • Die Lehrbuchphase darf von derzeit 3 ½ Jahren lediglich auf drei Jahre (statt 2 ½ Jahre) verkürzt werden.
  • Es fehlen überall verbindliche Mindeststandards in der Qualitätssicherung, insbesondere in den Bereichen Wortschatz, Textzugriff, kulturelle Kommunikation und – besonders schmerzlich – in den Prüfungsanforderungen. Zu Beginn der Lektürephase sollte ein Wortschatz von 1248 Lemmata (Bamberger Wortschatz) nicht wesentlich unterschritten werden.
  • Das dritte Inhaltsfeld sollte in „Antike Welt und ihr Nachwirken“ erweitert werden. Die nachantike Latinität darf nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden.

Die Regelungen zum Erwerb des Latinums (am Ende von Klasse 10 bei Lateinbeginn in Klasse 5) sowie des Kleinen Latinums (am Ende von Klasse 10 bei Latein ab Klasse 7) werden überhaupt nicht berücksichtigt; es wird auch nicht auf sie verwiesen. Damit geht die Orientierungsfunktion für Eltern, Schüler und interessierte Bürger völlig verloren!

Ebenso bedauerlich ist es, dass wegen der Kompetenzorientierung Vorgaben und Hinweise zur Wie­derholung und Übung der sprachlichen Kompetenzen nicht aufgenommen wurden. Anders als in modernen Fremdsprachen, in der wegen der Sprechanteile des Unterrichts die erlernten sprachli­chen Kompetenzen ständig bereitgehalten werden müssen, muss im Lateinunterricht Wiederholung und Übung systematisch mitgeplant werden. Dies gilt ganz besonders in einer Zeit, in der wegen der elektronischen Medien kaum noch mit einer Disposition der Schüler für das Behalten einmal erlernter Kompetenzen gerechnet werden kann. Ohne entsprechende Ausführungen wird die Nachhaltigkeit des Unterrichts verfehlt. Dass das über eine reine Auflistung von Kompetenzen hinausgeht, sollte nicht als Gegenargument angeführt werden. Ein Lehrplan ist keine Stilübung in Kompetenzorientierung, sondern hat eine Steuerfunktion.

Das gravierendste Defizit besteht darin, dass der Lehrplanentwurf im letzten Kapitel „Lernerfolgsüberprüfung und Leistungsbewertung“ auf konkrete Festlegungen verzichtet. Infolgedessen wird der Anschluss an den Lehrplan Sek II mit seinen klaren Vorgaben abermals nicht hergestellt. Außerdem begibt sich der Entwurf damit der Möglichkeit, den lehrplangemäßen Unterricht an den Gymnasien zu steuern. Stattdessen wird den einzelnen Fachschaften die undankbare Aufgabe zugeschoben, selbst Kriterien für ihre Leistungsbewertung festzulegen und ihre Einhaltung zu gewährleisten. Das stellt für die betroffenen Lehrerinnen und Lehrer eine unzumutbare Mehrbelastung dar. Es kann auch dazu führen, dass es im Lande Nordrhein-Westfalen keine Vergleichbarkeit mehr gibt und dass der Lateinunterricht kein sicheres Mindestniveau mehr erreicht.

  • In allen bisherigen Lehrplänen hat es klare Vorgaben zum Verhältnis von Übersetzung zu weiteren Aufgaben, zum Umfang der Übersetzung, zur Anzahl der weiteren Aufgaben und zur Bewertung der Übersetzungsaufgabe gegeben. Diese finden sich auch im KLP Sek II und hätten einfach fortgeschrieben werden können.
  • Das einzige für die Bewertung der Übersetzungsleistung genannte Kriterium „Grad der Sinnentsprechung“ reicht nicht aus, weil es ganz überwiegend auf ein inhaltliches Verständnis abzielt. Gegenstand des Lehrplans ist jedoch auch der Erwerb der Sprachkompetenz sowie der Sprachbewusstheit. Selbstverständlich müssen sich diese Fähigkeiten und Fertigkeiten gleichberechtigt in der Bewertung wiederfinden. Darauf gibt die Fassung aber nicht den kleinsten Hinweis, geschweige denn konkrete Vorgaben.
  • Bereits im Vorfeld der Lehrplanarbeit der Kommission wurden Fachverbände und

Lehrerverbände nach ihren Wünschen für den neuen KLP befragt. Der DAV wünschte sich ganz unmissverständlich wieder Ausführungen zur konkreten Fehlerbewertung und Fehler­messung im Einzelsatz wie in den Lehrplänen der 1990er Jahre. In der Praxis erwies sich das Fehlen derartiger Vorgaben und Hinweise in der ersten KLP-Generation als schwer­wiegendes Manko. Trotzdem wurde dieser Wunsch anscheinend überhaupt nicht zur Kenntnis genommen!

So wird bei den fehlenden Qualitätsstandards für die Leistungsbewertung besonders deutlich, was den gesamten Lehrplan kennzeichnet: Er bietet keinen verbindlichen Orientierungsrahmen, sowohl hinsichtlich der sprachlichen Erwartungen, der textlichen Anforderungen als auch der Leistungen. Eine Vertiefung der Fachlichkeit, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, wird so nicht erreicht. Verheerender dürfte sich diese Unverbindlichkeit aber auf die Kollegien auswirken, deren einzelnen Mitgliedern die konkreten Bestimmungen überlassen bleiben. Dass so auch der Schulfrieden massiv gefährdet werden kann, liegt nahe.

Der Deutsche Altphilologenverband, Landesverband Nordrhein-Westfalen, fordert die Landesregierung daher dazu auf, den Lehrplanentwurf nicht in Kraft zu setzen, sondern ihn, gegebenenfalls durch eine neu gebildete Lehrplankommission, gründlich zu überarbeiten.

Essen, d. 25. März 2019                                           

Dr. Nikolaus Mantel
als Vorsitzender des Landesverbandes