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Diskussionsbeiträge

Pressespiegel: Niemand will mehr Latein lernen. Oder?

latein-sz-2018

Ist die Liebe zu den Alten Sprachen abgekühlt? Aktuelle Statistiken scheinen das nahezulegen.

Diese Interpretation wird allerdings von Dr. Benedikt Simons, stellvwrtretender Landesvorsitzender des DAV Nordrhein-Westfalen, im Gespräch mit der "SZ" geradegerückt - der Latein- und Griechischlehrer warnt davor, in Alarmismus zu verfallen. Lesen Sie den vollständigen Artikel hier: 

http://www.sueddeutsche.de/bildung/schulbildung-niemand-will-mehr-latein-lernen-oder-1.3954048

 

Zum Beitrag „Lateinlehrer kämpfen für die Existenz ihres Fachs“, RP 7. 4. 2018

Der Beitrag aus der "Rheinischen Post" (zum Online-Artikel: http://www.rp-online.de/politik/lateinlehrer-kaempfen-fuer-die-existenz-ihres-fachs-aid-1.7499550) vom 7. 4. ist ein brillantes Beispiel für die hartnäckige Beständigkeit von Klischees, von denen in diesem Rahmen nur zwei betrachtet werden können:

Klischee 1) – Die schlechten Zahlen und der Kampf um die Existenz: Im Vergleich zu 2006/ 7, dem Höhepunkt der „Lateinhype“ in Deutschland, sind die Zahlen gefallen. Erklärungen dafür gibt es viele (Rückgang der Schülerzahlen insgesamt, G8 u. v. m.). Im Vergleich zu 2000 liegen die Zahlen nach wie vor um ca. 10% höher. Im Vergleich zu den letzten Jahren sind sie recht konstant, bei den Griechischschülerinnen und –schülern gibt es einen leichten Anstieg. Im Vergleich zu 1902 oder 1955 sind die Zahlen natürlich der „Untergang des Abendlandes“. Das ist eben das Problem mit relativen Zahlenangaben. Auf dem Bundeskongress des Deutschen Altphilologenverbandes jedenfalls hatte man nicht den folgenden Eindruck –und auch das Interview des Deutschlandfunks mit H. Loos, auf das im Beitrag zurückgegriffen wurde, ließ diesen Eindruck nicht erkennen: Die Lehrer und Lehrerinnen der Alten Sprachen mühten sich wie in Existenzangst mümmelnde Hasen bei der verwertungsorientierten Treibjagd aktueller „Bildungspolitik“ damit ab, die Attraktivität ihrer Fächer für größeren Teilnehmergewinn aufzupeppen. Unsere Arbeit betraf substanzielles, nämlich wie ertragreicher und sinnstiftender, mithin guter Unterricht mit unterschiedlichen Methoden, Medien und Themen gestaltet werden kann.

Klischee 2) – Wer Latein kann, kann gut andere (romanische) Sprachen und deutsche Fremdworte (u. a. der Naturwissenschaften): Das Ziel des altsprachlichen Unterrichts ist nicht, Krückstock zum Erwerb anderer Sprachen oder zur Ableitung von Fremdworten zu sein. Diese Fähigkeiten sind eine Folge altsprachlichen Unterrichts, aber nicht ihr Ziel. Es gibt drei Ziele: Erstens denken Schülerinnen und Schüler darüber nach, wie eine Sprache als System aufgebaut ist, welche sprachlichen Gemeinsamkeiten es gibt, wie man sie systematisch erfassen kann. Zweitens denken Schülerinnen und Schüler darüber nach, was Sprache überhaupt ist, wie sie funktioniert, welche Aufgaben bestimmte Worte aus welchen Gründen innerhalb eines Satzes und/ oder Textes haben. Um es zu veranschaulichen: 70% der Schülerinnen und Schüler einer Schule in Berlin – Neukölln (90% haben einen Migrationshintergrund) wählen Latein, um eine sprachliche Brücke zu schlagen zwischen den 14 Muttersprachen und der deutschen Umgangssprache im Unterricht. Drittens kommunizieren wir mit den Autoren, die grundlegende Fragen für die Entwicklung eines jungen Menschen als erste gestellt und tiefgreifend beantwortet haben. Ob es die Frage nach den Grundlagen gegenseitigen Respekts oder eines angemessenen politischen Miteinanders geht. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Dies sind natürlich nicht materiell verwertbare Ziele auf dem Weg zum Vorstandsvorsitz, aber wenn man „Bildung“ anders versteht, dann können sie für die Bildung junger Menschen sehr förderlich sein.

Man hätte diese Punkte besprechen können. Allerdings hat die RP, obwohl sie selbst anfragte, auf meine zweimalige Antwort mit Stillschweigen reagiert. Mal schauen, ob sie diesen Beitrag aufnimmt.

Dr. B. Simons
Bilkrather Weg 30
40489 Düsseldorf

Vorstand des Deutschen Altphilologenverbandes
 

Zu „Mit dem Latein am Ende“, Tagesanzeiger vom 4. 3. 2018

Im Schweizer "Tagesanzeiger" vom 4.3. 2018 plädiert der Autor Philippe Zweifel für eine Abschaffung der Lateinpflicht an Gymnasien:

https://www.tagesanzeiger.ch/kultur/standard/Mit-dem-Latein-am-Ende/story/30564725

Ph. Zweifler beschließt seine Polemik gegen den Lateinunterricht mit der perfiden Behauptung: „Non scholae, sed vitae discimus, heisst es. Wer das nicht verstanden hat – und das dürften die meisten sein – muss sich nicht ungebildet vorkommen. Man kann es ganz einfach auch auf Deutsch sagen: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ Perfide ist die Behauptung deshalb, weil derjenige, der sich nun gegen sie zur Wehr setzen würde, in der Schmuddelecke des arroganten „Bildungsbürgers“ landet, der andere als „ungebildet“ herabstufe. Was „Bildung“ ist, definiert der Beitrag auch nicht, geht aber ungesagt davon aus, dass „Bildung“ in der Schule und Universität „Ausbildung“ meint, als Vorbereitung für die praktische Arbeitswelt im (Berufs)Leben. Und so ist auch der Schlusssatz des Beitrags zu verstehen: „Nicht für die Schul(zeit) lernen wir, sondern für das Leben (danach, eben das Berufsleben)“.

Betrachtet man sich die Formulierung in der Originalsprache, fällt auf sprachlicher Ebene auf, dass die beiden Begriffe, die durch „non“ und „sed“ in den Gegensatz gebracht werden, mit der gleichklingenden Endung miteinander verbunden werden (scholae – vitae). In der Gruppe, zu denen diese beiden Worte gehören, signalisiert diese Endung dem Originalsprachler, dass es sich um einen Dativ handelt, der hier den Nutzen zum Ausdruck bringen soll.

Auf der Bedeutungsebene wird der Originalsprachler herausbekommen, dass schola ein Fremdwort aus dem Griechischen ist. Im Griechischen bezeichnet das Ursprungswort die Zeit, die frei von Arbeit für den Lebensunterhalt ist. Das bedeutet, dass der Originalsprachler mit dem Begriff schola eben diese Bedeutung des griechischen Ursprungsbegriffs assoziiert: Schule als Zeit, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die nicht mit dem Lebensunterhalt zu tun haben. Insofern dürfte der Originalspracher als Gegenbegriff zu schola einen Begriff benutzen, der der deutschen Formulierung „Leben (nach der Schulzeit = Berufsleben)“ entspricht. Genau das geschieht aber nicht: Vita bedeutet nämlich nicht praktisches Berufs-/ Arbeitsleben, Zeit für den Lebensunterhalt. Grundsätzlich ist erst einmal damit das gesamte Leben gemeint. Was soll das aber bedeuten? Der Originalsprachler bezieht zur Klärung diesen Satz nicht losgelöst und isoliert, sondern aus dem Zusammenhang, aus dem literarischen (Kunst)Brief, den Seneca vor ca. 2000 Jahren an einen Freund geschrieben hat, er bezieht die literarische Ebene mit ein (ep. moral. 106, 12).

Hier fällt im Vergleich zum Zitat des Beitrags auf, dass Seneca seinen Brief so beschließt: „Non vitae, sed scholae discimus.“ Senecas Umgang mit der Bedeutung der beiden sprachlich korrespondierenden, gegensätzlichen Begriffen bleibt jedoch derselbe: Liest man den gesamten Brief zuvor, wird deutlich, dass Seneca unter vita die moralisch bewusste Lebensführung versteht, zu der auch literarische, sprachliche und geistig theoretische Auseinandersetzung gehört, jedenfalls nicht praxisorientierte. Es geht also nicht um praxisferne, theorielastige Schulzeit einerseits und praktisches Berufsleben danach andererseits, sondern darum, dass wir uns stets um eine bewusste und moralisch integre Lebensführung kümmern sollen. Eine Frage also, die für die Persönlichkeitsbildung wohl grundlegend ist, ist hier gestellt und nach den ethischen Normen der Stoa beantwortet worden. Welche diese sind, führt in diesem Rahmen viel zu weit, aber es böte sich jetzt die Möglichkeit mit eben dieser Form der Lebensführung für sich und die eigene Haltung auseinanderzusetzen. Zu diesem Punkt gelangt man jedoch, wie sich zeigen ließ, nur über die tiefgründige und sorgfältige Auseinandersetzung mit der Originalsprache.

Auf sprachlicher (grammatischer), literarisch inhaltlicher und geistig intellektueller Ebene so den Horizont und das (Selbst)Bewusstsein junger Menschen zu erweitern und zu vertiefen, ist ein spezifisches Angebot des altsprachlichen Unterrichts. Das muss nicht für jeden etwas sein, aber wollen Sie jungen Menschen dieses Angebot verweigern?

Dr. Benedikt Simons

 

RP Online und "Latein oder Französisch?" Ein Leserbrief.

RP-Online-Latein-Franzoesisch

Kürzlich hat das Magazin "RP Online" einen Diskussionsbeitrag zur Fremdsprachenwahl mit dem Titel "Latein oder Französisch?" veröffentlicht, den Sie hier nachlesen können:

http://www.rp-online.de/panorama/wissen/bildung/latein-oder-franzoesisch-die-schwierige-wahl-der-zweiten-fremdsprache-aid-1.5861380

Dr. Benedikt Simons, Vorstandsmitglied des DAV Nordrhein-Westfalen hat zur Diskussion einen Leserbrief beigetragen, den wir an dieser Stelle veröffentlichen:

"Zu: Latein oder Französisch? Osterausgabe der RP 2016

Zwei fachliche Hinweise zu den Ausführungen „Latein oder Französisch“, die möglicherweise Eltern bei ihren Entscheidungen hilfreich sein können. Zu den Bemerkungen des Berliner Sprachwissenschaftlers: Es ist mittlerweile durch eine empirische Studie belegt, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen profunden Lateinkenntnissen und dem Erwerb moderner (romanischer) Fremdsprachen gibt.

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WDR5 Tagesgespräch: Tote Sprache!: Was bringt der Lateinunterricht?

Bildrechte: dpa"Lehrreich und bildend" oder "vollkommen überholt": Es geht um das Schulfach Latein. Die NRW-Landesregierung will die Nachweise von Lateinkenntnissen für viele Studiengänge abschaffen. In der Sendung "Tagesgespräch" des WDR5 diskutiert u.,a. Dr. Nikolaus Mantel, Vorsitzender des Altphilologenverbandes Nordrhein-Westfalen, über Bildungsreformen im Fremdsprachenunterricht.

Die ganze Sendung zum Nachhören finden Sie unter: http://www.wdr5.de/sendungen/tagesgespraech/neunundzwanzigsterdezember102.html

oder hier:

Click to download in MP3 format (17.38MB)

 


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