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Was das Ministerium zur beabsichtigten Streichung der Latinumspflicht zu sagen hat

, und warum es sich trotzdem lohnt, für die Beibehaltung der Latinumspflicht zu kämpfen

Bekanntlich hat das Schulministerium die Absicht, zum Wintersemester die Latinumspflicht für Lehramtsstudenten in den sprachlichen Fächern komplett zu streichen und in den Fächern Geschichte, Philosophie und Religion auf das kleine Latinum zu beschränken. Als im Jahre 2013 durch den Vorstoß des AStA Bochum ein solches Vorhaben zum ersten Mal publik wurde, gab es unter den Fachkollegen einen Sturm der Entrüstung, der auch das Ministerium erreichte. Die Tagespresse tat das Thema aber kurz und mit dem üblichen schlecht informierten Gerede ab. Nachdem das Ministerium sich noch ein paar Monate geziert hatte, gab es unmittelbar vor den Weihnachtsferien die oben genannten, über die AStA-Forderungen noch weit hinaus gehenden Absichten bekannt. Kurz vor Weihnachten gab es daraufhin natürlich keinen Aufschrei der Öffentlichkeit.

Vor den Osterferien machte der neue Vorstand des Landesverbandes seinen Antrittsbesuch im Ministerium und nutzte die Gelegenheit sofort, um dieses Thema zur Sprache zu bringen. Das Ministerium hat sich zu der Frage wie folgt geäußert (fettgedruckte Passagen beziehen sich auf schriftliche Äußerungen):

  • NRW ist das letzte Bundesland, das diese Latinumspflicht noch einfordert.
  • „Die Entwicklung von Sprachbewusstheit ist nicht ausschließlich an Lateinkenntnisse gebunden." (Im Gespräch bezeichnete die Ministerin unsere Vorstellungen vom besonderen Bildungswert des Lateinischen als „anmaßend" und „Schaffung einer Zweiklassengesellschaft".)
  • „Eine sprachvergleichende Analyse der Lexik und grammatischer Strukturen setzt selbstverständlich die Kenntnisse mehrerer Fremdsprachen voraus. Diese Aufgabe kann sowohl durch die Kenntnis von Latein als auch durch die Kenntnis anderer Sprachen eingelöst werden."
  • „In den Fächern Geschichte und Philosophie gehören historisch-kritische bzw. analytisch- kritische Verfahren zu den Methoden der Texterschließung. Der Quellentext als solcher steht aber nicht in seiner philologischen Durchdringung im Zentrum, sondern vielmehr in seiner Relevanz für den problemorientierten, thematisch erkennbaren Kontext."
  • „Dass das Fach Latein ein wichtiger Bestandteil des Fächerkanons weiterführender allgemeinbildender Schulen ist und bleibt, steht damit nicht zur Diskussion."

Darüber hinaus wurde die Zuversicht geäußert, dass der Landtag dieser Änderung nichts in den Weg legen wird.

Zur Argumentation des Ministeriums ist aus unserer Sicht folgendes zu sagen:

Das Argument mit den anderen Bundesländern trifft nur zum Teil zu, und es ist ein administratives und politisches, kein fachliches Argument. Die anderen Argumente zeigen sehr deutlich, dass die Aufgabe des Gymnasiums bzw. der gymnasialen Oberstufe der Gesamtschule wie auch des Lateinunterrichts nicht mehr richtig beurteilt wird.

In diesem Zusammenhang besonders bemerkenswert sind die Ausführungen zu den Fächern Geschichte und Philosophie, die auch für Religion gelten. Daraus geht ganz klar hervor, dass ein wirklich wissenschaftlich fundiertes Lehramtsstudium, zu dem auch die philologische Erforschung und Interpretation der Quellentexte gehören müsste, gar nicht mehr Ziel der Schulpolitik ist. Dasselbe gilt für das Sprachstudium, in dem Sprache nur noch auf ihre Funktion als Mittel der Kommunikation hin betrachtet werden soll, nicht aber in ihrer Ausdrucksfülle und als Medium der Reflexion.

Man male sich aus, was eine solche Verkürzung für die Qualität zukünftiger Lehrer bedeutet, die Schüler auf ein Abitur vorbereiten sollen. Diese Änderung läuft auf nichts anderes hinaus, als dass Gymnasiallehrer ohne ausreichendes wissenschaftliches Studium produziert werden.

Die Ausführungen zu den Sprachen und Frau Löhrmanns Diktion zu unserer Position zeigen in Wahrheit, dass Latein ohne wirkliches Argument nur noch als Ballast empfunden wird. In der Sicht dieser Politik ist der Erwerb lateinischer Sprachkenntnisse keine Bewährung und keine Herausforderung mehr, sondern nur noch ein Hindernis, das verschwinden soll. In diesem Zusammenhang kam aus dem Ministerium bezeichnenderweise der Hinweis auf den Handwerksmeister, der auch ohne Abitur auf der Grundlage seines Meistertitels diese Fächer studieren kann. Wir hatten nicht den Mut, danach zu fragen, ob das heißt, dass man grundsätzlich auch Architektur oder Technik ohne grundlegende Mathematikkenntnisse studieren kann.

Daher erscheint uns auch die mehrfach vorgebrachte Versicherung, dass am Unterricht in den alten Sprachen in Nordrhein-Westfalen nicht gerüttelt werden soll, trügerisch. Das Konzept des Humboldt'schen Gymnasiums, das wir ja offiziell immer noch haben, beruhte auf dem Studium der antiken Sprachen und entfaltete dadurch seine besondere Wirksamkeit. Nach den Ausführungen des Ministeriums und der Abschaffung der Latinumspflicht wird aber das Lateinische als letzte der drei alten Sprachen, nachdem Griechisch und Hebräisch ihre Schlüsselstellung schon verloren haben, in Zukunft keinen systematischen Ort in einer gymnasialen Bildungsstätte mehr haben. Es gehört wenig Fantasie dazu sich vorzustellen, dass in naher Zukunft die Politik sich fragen wird, warum eine Sprache, die nicht mehr gesprochen und auch sonst für kaum ein Studienfach mehr gebraucht wird, überhaupt noch unterrichtet werden soll. Dieser Bruch mit dem Unterricht in antiken Sprachen und mit der neuhumanistischen Gymnasialbildung ist endgültig!

Es kam inzwischen auch als Kritik auf, dass wir in NRW versuchten, den Lateinunterricht auf der Grundlage bürokratischer Regelungen zu retten, anstatt die inhaltliche Attraktivität herauszukehren. Wenn wir uns als Landesvorstand für die Latinumspflicht einsetzen, dann tun wir das 1., um das Grundkonzept der gymnasialen Bildung zu verteidigen, und 2., um darauf hinzuwirken, dass Lehramtsstudenten in Nordrhein-Westfalen auch in Zukunft ein vollgültiges wissenschaftliches Fachstudium absolviert haben müssen, um junge Menschen zum Abitur zu führen. Weil das Lateinische als Schlüsselfach der Bildung bei diesem Versuch unvermeidlicherweise im Mittelpunkt steht, ist es an uns, diese Auseinandersetzung zu führen.

Wir möchten daher an alle Fachkolleginnen und Fachkollegen im Land den dringenden Appell richten, jetzt zu Beginn des Schuljahres, bevor das Thema im Landtag erörtert wird, mit Protestschreiben an das Ministerium und an die jeweiligen Landtagsabgeordneten auf das fatale Vorhaben, dessen absehbare Konsequenzen Ihnen allen klar sein sollten, angemessen zu reagieren. Von der Politik haben wir nur dabei wenig zu erwarten. Ohne die Hilfe der Fachöffentlichkeit werden wir keinen Erfolg haben.

Der Landesvorstand