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Stellungnahme des DAV zur beabsichtigten Streichung der Latinumspflicht für Lehramtsstudenten in Nordrhein-Westfalen

Der Landesverband Nordrhein-Westfalen des Deutschen Altphilologenverbandes protestiert aufs energischste gegen die in dem Bericht über die Entwicklung und Qualität in der Lehrerbildung an den nordrhein-westfälischen Landtag bekundete Absicht der Landesregierung, für Studenten von Sprachfächern die Latinumspflicht völlig zu streichen und sie für Studenten der Geschichte, der Religion und Philosophie auf ein kleines Latinum einzugrenzen.

Die Argumentationsweise für die Abschaffung des Latinums in den genannten Studiengängen für das Lehramt erscheint wenig schlüssig. So wird angeführt, dass die Verpflichtung zum Latinum einem humanistischen Menschenbild entspringe, das den Ansichten der heutigen akademischen Auseinandersetzungen in den Lehramtsstudiengängen nicht mehr entspreche. Mit begrifflicher Indifferenz wird hier ein altes Argument hervorgeholt: das Latinum sei nicht mehr zeitgemäß. Wenn qualitative Anforderungen und sogar das Menschenbild vom Zeitgeist abhängig gemacht werden, könnten so jede Anforderung und jedes Menschenbild mit dem Hinweis auf die zeitgemäße Stimmung abgewiesen oder legitimiert werden. Es herrscht dann die reine Willkür, und demokratische nicht legitimierte Gruppen können entscheidenden Einfluss auf die Schulkultur erhalten. Dass dieses Argument im deutschen Raum und seinen historischen Bedingungen noch Verfechter hat, zeugt von einer Geschichtsvergessenheit, die wiederum die Auseinandersetzung mit der lateinischen Sprache, der von ihr tradierten kulturellen Werte und ihrer Kontinuität rechtfertigt.

Ein weiteres Argument ist die vorgebliche Benachteiligung „betroffener“ Studenten; damit ist die Schullaufbahn gemeint. Wer in der Schule kein Latinum erwerben könne, sei im Nachteil gegenüber anderen, die diesen Nachweis hätten erarbeiten können. Bei dieser Argumentation und ihrer Begrifflichkeit gerät bewusst in Vergessenheit, dass es sich beim Latinum um den Nachweis handelt, mit Texten des Basisniveaus umgehen zu können, und mit dieser Argumentation könnte man auch die Abschaffung oder Niveausenkung des Physikums oder der höheren Mathematik legitimieren. Keiner kommt auf die Idee die qualitativen Ansprüche des Physikums oder der Mathematik deswegen abzusenken. Wieder einmal ruht hier das Augenmerk der Bildungspolitik auf der Herkunft von Lernenden statt auf ihrer Zukunft.

Mit dem Streichen des Lateinischen als Studienvoraussetzung verabschiedet sich die Landesregierung von einer über 1000 jährigen Bildungstradition in unserem Land. Der vor 1200 Jahren verstorbene fränkische König und Kaiser Karl der Große verfügte in seiner Regierungszeit, dass die noch erhaltenen antiken lateinischen Handschriften vervielfältigt und das Lateinische zur Grundlage des höheren Schulwesens in seinem Reich gemacht wurde. Damit sorgte er dafür, dass die wissenschaftliche und philosophische Tradition der Antike Eingang ins Mittelalter und in die Neuzeit fand. Die Sprachen und Literaturen des Abendlandes, ihre Philosophie und Theologie beruhen auf dieser Verbindung zur Antike. Die Brücke in die Vergangenheit ist die lateinische Sprache und die Beschäftigung mit lateinischen Texten. Die Landesregierung tritt einerseits für die Stärkung der europäischen Zusammenarbeit ein, andererseits würde sie mit ihrem Vorhaben die Verbindung zur Vergangenheit und die kulturelle Verbindung zu den anderen europäischen Ländern kappen.

Zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit einer Fremdsprache gehört das Studium ihrer Sprach-und ihrer Literaturgeschichte. Die romanischen Sprachen sind aus dem Lateinischen hervorgegangen, die deutsche und englische Sprache verdankt einen erheblichen Teil ihrer Entwicklung ebenfalls dem Lateinischen. Themen und Formen der Literatur sind nicht aus dem Nichts gewachsen, sondern werden durch die Auseinandersetzung mit älteren Vorformen und Vorlagen gestaltet und entwickelt. Das Sprachstudium muss daher auch die Beschäftigung mit älteren Sprachdenkmälern und älterer Literatur, aus denen die neuen Formen hervorgegangen sind, einschließen. Ohne die Kenntnis des Lateinischen ist daher ein vollwertiges wissenschaftliches Studium dieser Fächer, das auch eine Universitätslaufbahn ermöglicht, nicht vorstellbar. Lehrer ohne Lateinkenntnisse werden daher ihr Fach am Gymnasium nicht so vertreten können, dass ihr Unterricht wissenschaftspropädeutisch wirksam ist.

Die Abschaffung eines vollwertigen wissenschaftlichen Studiums als Grundlage für den Unterricht am Gymnasium ist ein Angriff auf das Gymnasium selbst. Der DAV verweist auf den mit den anderen Landtagsparteien abgeschlossenen Schulfrieden. Das Vorhaben der Landesregierung ist dazu geeignet, diesen Schulfrieden zu brechen, da es dem Gymnasium seine wesentliche Grundlage entzieht.

Für das Studium der Fächer Geschichte, Religion und Philosophie sind in der Regel vertiefte Lateinkenntnisse zwingend erforderlich. Nur im KMK-Latinum ist das Ausmaß dieser Kenntnisse für alle Bundesländer verbindlich festgelegt. Das gilt für das kleine Latinum nicht. In vielen Bundesländern außerhalb Nordrhein-Westfalens gibt es kein kleines Latinum. Das kleine Latinum wird häufig erreicht, ohne dass über die Durchnahme eines Lehrbuchs hinaus lateinische Texte im Original gelesen worden sind. Kenntnisse im Umfange des kleinen Latinums reichen daher für das Studium der genannten Fächer auf gar keinen Fall aus. Das bedeutet, dass die Landesregierung mit ihrem Vorhaben junge Menschen geradezu daran hindern würde, beim Studium dieser Fächer eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen.

Der DAV fragt auch nach der Zukunft des Faches Latein an den Gymnasien und Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen. Bis vor 50 Jahren war ein Abitur ohne Latein gar nicht möglich. Danach hat sich das Fach als Wahlfach an den nordrhein-westfälischen Gymnasien und Gesamtschulen gut behauptet, da es die grammatischen Grundlagen für Deutsch und alle Sprachfächer legt, besonders Schüler mit noch nicht gesicherten Deutschkenntnissen fördert und die Palette der Unterrichtsfächer um die Dimension der geschichtlichen und kulturellen Entwicklung bereichert. Es ist besonders dazu geeignet, jungen Menschen über formale Kulturtechniken hinaus Bildung zu verschaffen und ihnen damit die Ausprägung einer selbständigen, nicht lediglich auf die Befolgung von Verhaltensvorschriften der Wirtschaft, der Politik oder des Zeitgeistes beschränkten Persönlichkeit zu ermöglichen.

Durch die Streichung der Latinumspflicht sieht der DAV die Zukunft des Lateinunterrichts als gefährdet an. Das hätte erhenliche Auswirkung auf die Personalsituation an den betroffenen Schulen, da bei einem Zurückgang des Lateinunterrichts Hunderte gut ausgebildeter Lehrer ihr Fach nicht mehr vertreten könnten und für teures Geld ein anderes Fach nachstudieren müssten.

Fazit:

Abschließend fordert der DAV die Landesregierung und den nordrhein-westfälischen Landtag dazu auf, die Latinumspflicht für die genannten Fächer beizubehalten. Den Studenten und Studentinnen dieser Fächer muss durch geeignete Hilfestellungen ermöglicht werden, ihr Studium erfolgreich und in einer überschaubaren Zeit auch dann abzuschließen, wenn sie das Latinum an der Universität nachholen müssen.

Essen, d. 17.2.2014